27.08.2026

2.995 Ausbildungsplätze frei: Warum Unternehmen stärker auf Talente statt auf perfekte Bewerberprofile schauen sollten

In Mecklenburg-Vorpommern sind weiterhin Tausende Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig suchen Tausende junge Menschen nach einer passenden Perspektive. Für Unternehmen bedeutet das: Fachkräftesicherung beginnt möglicherweise früher, als viele denken – nämlich bei der Frage, wie sie Talente erkennen und entwickeln.

Mecklenburg-Vorpommern steht beim Ausbildungsmarkt vor einem scheinbaren Widerspruch: Ende Juli waren bei den Arbeitsagenturen des Landes noch 2.995 Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig galten 2.388 Bewerber:innen unversorgt. Damit standen weiterhin deutlich mehr freie Ausbildungsplätze als Suchende zur Verfügung.

Besonders häufig wurden Auszubildende im Einzelhandel, im Verkauf, in der Lagerlogistik, in der Gastronomie, Hotellerie und in verschiedenen handwerklichen Berufen gesucht. Allein für die Ausbildung zum Kaufmann beziehungsweise zur Kauffrau im Einzelhandel waren Ende Juli noch 403 Stellen unbesetzt.

Die Zahlen zeigen damit nicht nur einen Mangel an Nachwuchs, sondern auch eine Herausforderung beim Zusammenfinden von Unternehmen und jungen Menschen. Für Unternehmen stellt sich deshalb eine andere Frage als nur: „Wo finden wir die passenden Bewerber:innen?“

„Unternehmen sollten stärker darauf schauen, welches Entwicklungspotenzial ein junger Mensch mitbringt und weniger darauf, ob dieser bereits exakt dem gewünschten Profil entspricht“, sagt Julia Kranz-Schmidt, Themensprecherin Fachkräfte im Zukunftszentrum MV+.

Gerade bei jungen Menschen seien Kompetenzen und Interessen häufig noch nicht vollständig ausgebildet. Wer ausschließlich nach einem möglichst passgenauen Lebenslauf oder bestimmten Schulnoten suche, könne deshalb Talente übersehen.

Fachkräftesicherung beginnt vor der Bewerbung

Für Unternehmen bedeutet das einen Perspektivwechsel: Nicht nur darauf warten, dass sich die passende Person bewirbt, sondern früher ansetzen und Potenziale erkennen. Dazu können beispielsweise Praktika, Ausbildungsmessen, Schulkooperationen, Schnuppertage oder persönliche Kontakte beitragen. Entscheidend ist aber auch, den Blick auf die Auswahl selbst zu verändern.

Welche Fähigkeiten bringt jemand bereits mit? Was interessiert die Person? Welche Kompetenzen lassen sich entwickeln? Und welche Unterstützung braucht sie, um sich im Unternehmen erfolgreich zu entwickeln?

„Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels können Unternehmen es sich immer weniger leisten, Menschen ausschließlich danach zu beurteilen, ob sie bereits heute alle Anforderungen einer Stelle erfüllen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Entwicklungschancen vorhanden sind und wie sich diese entwickeln lassen“, so Julia Kranz-Schmidt.

Nicht die perfekte Fachkraft suchen, sondern Potenziale entwickeln

Der Gedanke ist auch für die langfristige Fachkräftesicherung relevant. Denn die Suche nach bereits vollständig ausgebildeten Fachkräften stößt insbesondere in Regionen mit angespanntem Arbeitsmarkt schnell an Grenzen. Unternehmen können deshalb stärker zwischen aktuellen Kompetenzen und Entwicklungsmöglichkeiten unterscheiden. Wer beispielsweise bereit ist, Beschäftigte gezielt weiterzuentwickeln, kann sich einen größeren Kreis potenzieller Nachwuchskräfte erschließen.

Wie Unternehmen verborgene Talente erkennen und bereits vor einer klassischen Bewerbung mit ihnen in Kontakt kommen können, ist auch Thema der Weiterbildung „Talente entdecken, bevor sie sich bewerben“. Im Mittelpunkt steht dabei ein Perspektivwechsel: Talente nicht erst dann wahrnehmen, wenn eine Bewerbung auf dem Tisch liegt, sondern Potenziale frühzeitig erkennen, ansprechen und entwickeln.

Ausbildungsmarkt als Weckruf

Die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind eine Momentaufnahme. Über die kommenden Monate können weitere Ausbildungsstellen besetzt und Jugendliche noch vermittelt werden. Auch die Bundesagentur weist darauf hin, dass der Ausbildungsmarkt weiterhin in Bewegung ist.

Dennoch zeigen die Zahlen eine Herausforderung: Freie Ausbildungsplätze und junge Menschen auf der Suche nach einer Perspektive sind vorhanden. Sie finden aber nicht automatisch zusammen. Für Unternehmen kann das ein Anlass sein, die eigene Nachwuchsgewinnung zu überprüfen. „Fachkräftesicherung beginnt nicht erst bei der Stellenausschreibung. Sie beginnt damit, dass Unternehmen wissen, welche Talente sie brauchen, wo sie diese finden und wie sie deren Stärken entwickeln können“, sagt Julia Kranz-Schmidt.

Das Zukunftszentrum MV+ unterstützt kleine und mittlere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern dabei, Veränderungen der Arbeitswelt zu gestalten, Fachkräftepotenziale zu erschließen und Beschäftigte gezielt weiterzuentwickeln.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeitsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern: Juli 2026, Presseinfo Nr. 24 vom 31. Juli 2026. Ausbildungsmarktdaten für Juli 2026.