04.11.2026
Neurodiversität im Beruf – eine Einladung zum Perspektivwechsel
„When a flower doesn’t bloom, you fix the environment in which it grows, not the flower.“
— Alexander den Heijer
Was wäre, wenn wir diesen Gedanken auch auf unsere Arbeitswelt übertragen?
Wir alle arbeiten nicht auf die gleiche Art und Weise. Menschen nehmen Informationen unterschiedlich auf, setzen unterschiedliche Schwerpunkte und brauchen unterschiedliche Bedingungen, um konzentriert, kreativ und leistungsfähig zu arbeiten. Gleichzeitig sind viele Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen so gestaltet, dass sie bestimmte Formen des Arbeitens voraussetzen. Genau hier wird Neurodiversität am Arbeitsplatz relevant.
Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und damit auch unterschiedliche Arten zu denken, wahrzunehmen und zu arbeiten. Unter Neurodivergenz werden dabei unterschiedliche neurologische Ausprägungen zusammengefasst, beispielsweise ADHS, Autismus-Spektrum, Legasthenie oder Dyskalkulie. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung in der EU neurodivergent* sind. Damit betrifft Neurodiversität einen relevanten Teil der Arbeitswelt.
Was dabei oft unterschätzt wird: Reize und Anforderungen werden nicht von allen Menschen auf dieselbe Weise verarbeitet. Geräusche, Licht, Bewegungen oder Unterbrechungen können intensiver wahrgenommen oder schwerer ausgeblendet werden. Dazu gehören auch alltägliche Reize wie Tastaturgeräusche, das Summen einer Klimaanlage, kratzende Arbeitskleidung oder Zugluft. Was für die einen kaum auffällt, kann für andere dauerhaft Aufmerksamkeit und Energie binden. Auch das Filtern von Informationen, der Wechsel zwischen Aufgaben oder der Umgang mit unerwarteten Veränderungen kann schnell zur Erschöpfung führen.
Wer einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit dafür aufbringen muss, störende Reize auszublenden oder sich auf wechselnde Anforderungen einzustellen, hat weniger Ressourcen für die eigentliche Arbeitsaufgabe. Passende Rahmenbedingungen können deshalb nicht nur Belastungen reduzieren, sondern auch Raum dafür schaffen, individuelle Stärken besser einzubringen.
Denn viele neurodivergente Menschen bringen besondere Fähigkeiten und Perspektiven mit, wie beispielsweise hohe Detailgenauigkeit, analytisches Denken, kreative Lösungsansätze, Muster und Zusammenhänge schnell zu erkennen oder die Fähigkeit, sich intensiv und ausdauernd mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Welche Stärken im Vordergrund stehen und welche Bedingungen dafür hilfreich sind, ist dabei individuell und lässt sich nicht allein aus einer Diagnose ableiten. Auch erlebt nicht jede neurodivergente Person dieselben Herausforderungen.
Umso wichtiger ist es, zuzuhören, nachzufragen und gemeinsam zu überlegen: Was braucht es, um gut arbeiten und Potenziale entfalten zu können?
Kleine Veränderungen, große Wirkung
Oft können bereits kleine Anpassungen den Arbeitsalltag erleichtern.
Zum Beispiel:
- Ein ruhiger Arbeitsplatz oder Rückzugsort kann konzentriertes Arbeiten erleichtern.
- Klare Strukturen und nachvollziehbare Prioritäten schaffen Orientierung.
- Checklisten oder schriftliche Informationen helfen, Aufgaben besser zu überblicken.
- Veränderungen und wichtige Termine möglichst früh ankündigen.
- Individuell anpassbare Beleuchtung kann störende Lichtreize reduzieren.
- Kopfhörer oder akustische Abschirmungen können störende Geräusche verringern.
- Flexible Arbeitszeiten oder mobiles Arbeiten können individuelle Arbeitsphasen unterstützen.
- Individuelle Pausengestaltung, auch ohne Sozialkontakte, ermöglichen.
Dabei geht es nicht darum, für jede Person ein eigenes Arbeitsmodell zu entwickeln. Vielmehr lohnt es sich, mehr Wahlmöglichkeiten zu schaffen, wo es der Arbeitsablauf zulässt.

Eine Arbeitswelt, die mehr Möglichkeiten zulässt
Eine neurodiversitätssensible Arbeitswelt schafft gute Bedingungen für Entfaltung, statt von allen Menschen zu erwarten, unter denselben Bedingungen auf dieselbe Weise zu funktionieren. Neurodiversität fordert uns dazu auf, unsere Vorstellungen von „normalem“ Arbeiten zu hinterfragen.
Vielleicht lohnt es sich, den eigenen Arbeitsplatz einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten:
Welche Reize blendest du bei der Arbeit längst aus, ohne darüber nachzudenken? Welche Arbeitsbedingungen hältst du für selbstverständlich? Wie nehmen deine Arbeitskolleg:innen sie wahr?
Denn Barrieren entstehen nicht immer dort, wo wir sie erwarten. Der erste Schritt muss dabei nicht groß sein. Manchmal reicht es, genauer hinzusehen, nachzufragen und die eigene Vorstellung davon, wie „gutes Arbeiten“ aussieht, ein Stück weiter zu öffnen.
Lernpaket „Neurodiversität in der Ausbildung begleiten und Potenziale fördern“
Quellen:
*Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA): Neurodiversity at work: impact on OSH. Online verfügbar: EU-OSHA – Neurodiversity at work: impact on OSH (Abruf: 11.08.2026).
Hempel, Isabel, 2026, Welches Arbeitsumfeld fördert neurodivergente Menschen?, https://www.familienservice.de/-/neurodiversitaet-arbeitswelt-tipps-unternehmen.
Hümpfer-Gerhards, Lukas/ Fuhrmann, Stephanie/ Schwager, Sabine et. al., 2024, Schule & Autismus – schAUT. Barrieresensible Gestaltung inklusiver Schulen. Eine Handreichung.
Miteva, Anelia/ Georgieva Liliya, Project Neurodiversity at work, 2024, A handbook for neurodiverse workplaces, https://www.neurodiverseworkplaces.eu/wp-content/uploads/2024/10/NEW-Handbook_EN-final.pdf?media=1681987160
Soubiran, Vera, 2025, Neurodiversität in Unternehmen. Herausforderungen und Chancen für neurodiverse Teams.
Bildquelle: Myriams-Fotos auf Pixabay: https://cdn.pixabay.com/photo/2017/06/01/17/21/fidget-cube-2364047_1280.jpg
