25.08.2026
KI könnte den Wert von Erfahrung verändern: Warum Weiterbildung für Beschäftigte wichtiger wird
Künstliche Intelligenz könnte nicht nur verändern, wie Menschen arbeiten, sondern auch, welche Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt besonders gefragt sind. Eine aktuelle Auswertung des ifo Instituts zeigt, dass viele Unternehmen für die kommenden fünf Jahre infolge des KI-Einsatzes mit sinkenden Löhnen rechnen – insbesondere bei Beschäftigten mit wenig Berufserfahrung und ohne (Fach-)Hochschulabschluss.
Bei Beschäftigten dieser Gruppe erwarten 53,3 Prozent der befragten KI-nutzenden Unternehmen mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung sinkende Löhne. Bei mehr als fünf Jahren Berufserfahrung sind es 44,2 Prozent. Gleichzeitig sehen Unternehmen bei höher qualifizierten und erfahrenen Beschäftigten häufiger die Möglichkeit steigender Löhne. Die Auswertung basiert auf Angaben von mehr als 3.000 Unternehmen in Deutschland, die bereits KI einsetzen.
Für das Zukunftszentrum MV+ zeigt die Entwicklung vor allem eines: Der Wert von Kompetenzen verändert sich. „KI verändert nicht nur einzelne Tätigkeiten, sondern auch, welche Fähigkeiten im Betrieb überhaupt gefragt sind. In unserer Analyse der Forschungsliteratur zur Einführung von KI-Diensten gehören fehlende Kompetenzen neben Datenschutz und Vertrauen zu den am häufigsten genannten Hürden. Dabei geht es weniger darum, ein Werkzeug bedienen zu können, als darum, beurteilen zu können, wann ein KI-Ergebnis trägt und wann nicht“, sagt Leon Griesch, Experte für KI im Zukunftszentrum MV+.
Nicht weniger Arbeit, sondern andere Anforderungen
Die Ergebnisse des ifo Instituts bedeuten nicht automatisch, dass KI zu sinkenden Löhnen für Beschäftigte führt. Sie zeigen vielmehr, wie unterschiedlich Unternehmen die möglichen Auswirkungen von KI auf verschiedene Beschäftigtengruppen einschätzen. Je nach Qualifikation und Berufserfahrung rechnet ein erheblicher Teil der Unternehmen auch mit stabilen Löhnen.
Interessant ist vor allem die unterschiedliche Bewertung von Erfahrung und Qualifikation: Bei Beschäftigten mit (Fach-)Hochschulabschluss erwarten 26 Prozent der Unternehmen bei längerer Berufserfahrung einen positiven Lohneffekt durch KI. Bei niedrigqualifizierten Beschäftigten mit kurzer Berufserfahrung sehen dagegen nur 5,9 Prozent einen positiven Effekt.
Damit stellt sich für Unternehmen eine zentrale Frage: Wie können Beschäftigte die Kompetenzen entwickeln, die in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt gebraucht werden?
KI-Kompetenz wird zur Frage der Personalentwicklung
Für Unternehmen bedeutet der zunehmende Einsatz von KI, dass Weiterbildung stärker mit der technologischen Entwicklung verbunden werden muss.
Beschäftigte benötigen dabei nicht nur die Fähigkeit, einzelne KI-Anwendungen zu bedienen. Sie müssen auch verstehen, wie sich ihre Tätigkeiten verändern, welche Aufgaben KI übernehmen kann und wo menschliche Erfahrung weiterhin entscheidend ist.
„Unternehmen sollten KI-Einführung und Personalentwicklung nicht getrennt voneinander betrachten. Beschäftigte, die die Einführung aktiv mitgestalten, bauen dabei genau die Kompetenzen auf, die sie später im Umgang mit dem System brauchen. Beteiligung ist damit selbst ein Stück Weiterbildung – vorausgesetzt, die Hinweise der Beschäftigten verändern das System auch tatsächlich“, so Leon Griesch.
Gerade Beschäftigte mit weniger Berufserfahrung könnten dabei vor einer besonderen Herausforderung stehen. Wenn KI bestimmte Routineaufgaben übernimmt, über die Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger bisher wichtige Erfahrungen gesammelt haben, stellt sich die Frage, wie diese Erfahrungsräume künftig geschaffen werden können.
Weiterbildung wird zum Bestandteil der KI-Strategie
Für Unternehmen kann daraus ein Perspektivwechsel entstehen: Weiterbildung ist nicht nur ein Instrument, um bestehende Qualifikationslücken zu schließen. Sie kann dazu beitragen, Beschäftigte auf veränderte Tätigkeiten vorzubereiten und neue Kompetenzen gezielt aufzubauen.
Dazu gehört beispielsweise die Frage, welche Aufgaben künftig von KI unterstützt oder übernommen werden und welche Fähigkeiten Beschäftigte benötigen, um diese Systeme sinnvoll einzusetzen und ihre Ergebnisse kritisch zu bewerten.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI bestimmte Aufgaben übernehmen kann. Entscheidend ist, was Menschen danach können müssen und wie Unternehmen ihnen ermöglichen, diese Kompetenzen zu entwickeln. Bei KI-Diensten ist das kein Projekt mit Enddatum: Die Systeme entwickeln sich im laufenden Betrieb weiter, deshalb müssen Beteiligung und Weiterbildung dauerhaft mitlaufen“, sagt Leon Griesch.
Die Ergebnisse des ifo Instituts zeigen damit einen möglichen langfristigen Wandel: KI könnte die Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten verändern und damit auch die Entwicklung von Löhnen beeinflussen. Für Unternehmen wird es deshalb wichtiger, technologische Veränderungen frühzeitig mit Kompetenzentwicklung und Personalplanung zu verbinden.
Das Zukunftszentrum MV+ unterstützt kleine und mittlere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern dabei, Veränderungen der Arbeitswelt zu gestalten, Beschäftigte weiterzuentwickeln und neue Technologien sinnvoll in Arbeitsprozesse zu integrieren.
Quelle: ifo Institut, Unternehmen erwarten eher sinkende Löhne durch Einsatz von Künstlicher Intelligenz, 12. August 2026. Auswertung der ifo Konjunkturumfrage vom Juni 2026 unter mehr als 3.000 Unternehmen in Deutschland, die bereits KI einsetzen.