29.04.2026
Künstliche Intelligenz im Unternehmen: Wie der Einstieg strategisch gelingt
Das Zukunftszentrum MV+ unterstützt KMU in Mecklenburg-Vorpommern mit praxisnahen Weiterbildungen dabei, den digitalen Wandel aktiv zu gestalten.
Ein zentraler Baustein ist der Workshop „Zusammenarbeit mit KI gestalten – Strategien für die Einführung in der Organisation“. Im Fokus stehen konkrete Anwendungsbeispiele, strategische Fragestellungen und die gemeinsame Reflexion der eigenen Ausgangssituation.
Wir haben mit Bettina Michl, Expertin für Aus- und Weiterbildung, und Leon Griesch, Experte für Digitalisierung und KI im Zukunftszentrum MV+, darüber gesprochen, welche Fragen Unternehmen aktuell bewegen, wo Chancen liegen und wie ein guter Einstieg in die Arbeit mit KI gelingen kann.
Schön, dass ihr euch Zeit für das Gespräch nehmt! Der Workshop beschäftigt sich mit der Einführung von KI in Organisationen. Was hat euch dazu bewegt, diese Weiterbildung zu entwickeln?Bettina Michl:
Ich komme aus dem Innovationsmanagement und habe viele Unternehmen dabei begleitet, innovative Methoden oder neue Prozesse einzuführen. Die Anwendung von künstlicher Intelligenz stellt Organisationen vor ähnliche, wenn nicht sogar größere Herausforderungen. Es ist zentral, dass sich Unternehmen im Vorhinein darüber bewusst werden, damit eine Einführung erfolgreich wird und Anwendungen der künstlichen Intelligenz ihr Potenzial auch wirklich entfalten können.
Leon Griesch:
Wir führen am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik viele Tiefenberatungen durch. Dabei sind einige Stolpersteine und Erfolgsfaktoren sichtbar geworden. Diese sollten so früh wie möglich adressiert werden, um Zeit und Kosten zu sparen. Wie im Leistungssport erspart einem fundiertes Wissen und gute Vorbereitung Frustrationen und Rückschläge.
Wenn ihr den Workshop in drei Worten beschreiben müsstet – welche wären das?Bettina Michl:
Informativ – interaktiv – evolvierend.
Wenn ihr auf die aktuelle Entwicklung rund um KI blickt: Was beschäftigt euch und die Unternehmen im Moment besonders?Leon Griesch:
Das hängt sehr von der Unternehmensgröße, der Branche und auch dem Standort ab. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es einige pionierhaften Betriebe in puncto Digitalisierung– teils angetrieben durch Konzernanforderungen von außerhalb – sowie mittelständische Unternehmen, die frühzeitig begonnen haben, KI in ihre Prozesse zu integrieren. Diese Frage können wir nicht repräsentativ, sondern nur anekdotisch beantworten. Es scheint jedoch, als fänden chatbasierte Sprachmodelle den breitesten Zuspruch, auch weil sie teilweise in bestehende Unternehmenssoftwaresysteme eingebunden sind. Allerdings wird ihr Potenzial noch selten voll ausgeschöpft. Gerade der Einsatz in Produktionsprozessen beziehungsweise in der direkten Wertschöpfung ist unserer Erfahrung nach noch ausbaufähig.
Bettina Michl:
In einer repräsentativen Umfrage des ZMV+ war für 45 % der befragten Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern der „Einsatz künstlicher Intelligenz“ ein wichtiges Thema. Gleichzeitig sahen die Unternehmen darin auch den größten Unterstützungsbedarf. 71,2 % der befragten Unternehmen nutzen derzeit keine KI-Anwendungen – das läuft dem bundesweiten Trend deutlich entgegen. Hier sind sicher Sensibilisierung, Wissensvermittlung, Aufklärung und Austausch mit Peers gefragt – Aspekte, die wir auch durch den Workshop stärken möchten.
Viele Organisationen stehen vor neuen Herausforderungen – etwa bei der Auswahl geeigneter Anwendungen oder beim Thema Datenschutz. Was erlebt ihr hier konkret in der Praxis?Leon Griesch:
Ja, das Thema Datenschutz ist sehr wichtig. Viele Organisationen orientieren sich an den hoch performanten KI-Modellen aus den USA und sind dann schnell enttäuscht, dass datenschutzkonforme Alternativen meist teurer sind und weniger leisten. Hier gilt es, die Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen und sich auf Kernprozesse zu fokussieren, um Aufwand und Nutzen in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen.
Gleichzeitig bringt der Einsatz von KI ja auch viele Chancen mit sich. Wo seht ihr aktuell besonders großes Potenzial für Unternehmen?Bettina Michl:
Im Einsatz von KI-Agenten und Agentensystemen in enger Kollaboration mit menschlichen Mitarbeitenden steckt noch viel Potenzial. Außerdem in der Nutzung von künstlicher Intelligenz in Kernprozessen und der Neuproduktentwicklung, aber auch zur Entlastung der Mitarbeitenden – um dem Fachkräftemangel beziehungsweise dem demografischen Wandel entgegenzuwirken. In Mecklenburg-Vorpommern liegt das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden bei 50 Jahren – hier kann KI helfen, Entwicklungen abzufedern.
Gerade kleinere und mittlere Unternehmen haben oft begrenzte Ressourcen. Welche ersten Schritte empfehlt Ihr, um sich dem Thema KI sinnvoll zu nähern?Bettina Michl:
Wissen aufbauen, Vorbilder suchen und externe Beratungen nutzen, Themenbeauftragte finden und abteilungsübergreifende Arbeitsgruppen bilden. Außerdem sollten Vor- und Nachteile für Unternehmen und Mitarbeitende klar herausgearbeitet und adressiert werden.
Leon Griesch:
Wichtig sind auch die unternehmerischen Ressourcen sowie technische Voraussetzungen, Datenqualität und -verfügbarkeit, Fachwissen und Fachpersonal. Entscheidend ist zudem, inwieweit KI zum Geschäftsmodell, zu den Unternehmenszielen und zu den Kund:innen passt. Diese Frage sollte frühzeitig geklärt werden.
Bettina Michl:
Ganz zentral ist außerdem, dass die Geschäftsführung den Prozess unterstützt und aktiv begleitet, Mitarbeitende mitgenommen und beteiligt werden und es engagierte Botschafter im Unternehmen gibt, die sich für das Thema einsetzen und andere unterstützen.
Im Workshop geht es auch um Reflexion und strategische Einordnung. Was ist Euch dabei besonders wichtig – und was können die Teilnehmenden konkret mitnehmen?Leon Griesch:
Ein technologisches Basiswissen sowie Einblicke in ausgewählte Anwendungsbereiche und ein Gefühl für das Potenzial gängiger Anwendungen durch eigenes Ausprobieren.
Bettina Michl:
Neben der strategischen Betrachtung und inspirierenden Einsatzszenarien aus Mecklenburg-Vorpommern wollen wir eine erste Verortung der eigenen Organisation ermöglichen. Außerdem hoffen wir auf einen Austausch, in dem Teilnehmende Erfahrungswissen teilen und konkrete Impulse für den Arbeitsalltag mitnehmen.
Vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke!
Das Interview zeigt: Die Einführung von Künstlicher Intelligenz ist für viele Unternehmen ein wichtiger Schritt – bringt aber auch neue Fragen und Herausforderungen mit sich. Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig mit den eigenen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und den Einsatz strategisch zu gestalten.